Die Kirchenbücher und die Strukturreform

Mit Beginn des Jahres 2020 gehen viele Kirchgemeinden in Sachsen neue Strukturverbindungen ein. Die entsprechenden Verträge müssten mittlerweile überall geschlossen sein. Neben vielen großen Fragen gibt es eine Reihe von Details, die für die neuen Strukturen zu bedenken sind. Eine dieser Detailfragen betrifft die Kirchenbücher, also das von jeder Kirchgemeinde zu führende Verzeichnis über Taufen, Bestattungen, Konfirmationen und Trauungen bzw. Gottesdienste zur Eheschließung. Kathrin Mette von der Geschäftsstelle der Ehrenamtsakademie hat mit Archivpfleger Maik Thiem darüber gesprochen, was hinsichtlich der Kirchenbücher in Zukunft zu bedenken ist.

K. Mette: Lieber Herr Thiem, warum ist die Kirchenbuchführung von der aktuellen Strukturreform überhaupt betroffen?   

M. Thiem: Strukturveränderungen setzen die allgemeine Kirchengesetzgebung nicht per se außer Kraft, z.B. sind die Bestimmungen der Kirchenbuchordnung vom 27.06.1972 weiterhin anzuwenden. Mit der jetzigen Strukturreform ändert sich die Struktureinheit Kirchgemeinde, die für die Anlage und Führung eines Kirchenbuches maßgeblich ist, erheblich.

Damit ich Sie richtig verstehe: Die Kirchenbuchordnung von 1972 regelt, dass jede einzelne Kirchgemeinde ein Kirchenbuch über die Amtshandlungen führt, die an den zu ihr gehörenden Gottesdienststätten stattfinden. Dies gilt auch nach der Strukturreform, nur dass es dann eine Reihe von Kirchgemeinden, die bisher eigene Kirchenbücher führen, nicht mehr geben wird. Wenn sich verschiedene Kirchgemeinden zu einer Kirchgemeinde vereinigen, kann es für diesen Bereich also nur noch ein Kirchenbuch geben. Über die Probleme, die damit einhergehen, können wir gleich noch sprechen. Zunächst interessiert mich aber, wie es in den anderen Strukturformen mit den Kirchenbüchern steht also mit Schwesternkirchverhältnissen, Kirchspielen und Gemeindeverbünden?

Mit der Abwicklung der bisherigen Kirchgemeinden bei einer direkten Vereinigung sind auch deren Kirchenbücher zu schließen und die neu gebildete Gemeinde beginnt mit einem neuen Kirchenbuch. In Schwesterkirchverbünden und Kirchspielen behalten die Kirchgemeinden weiterhin ihre Selbständigkeit – führen bspw. auch eigenständige Siegel. Somit müssen diese Kirchgemeinden auch eigenständige, separate Kirchenbücher führen. Der Gemeindeverbund ab 2021 ist m.W. in seiner Ausformung einem Kirchspiel gleich, auch hier behalten die Kirchgemeinden ihre Selbständigkeit.

Nehmen wir doch einmal die Situation innerhalb einer vereinigten Kirchgemeinde etwas genauer in den Blick. Da vereinigen sich zum Beispiel sieben Kirchgemeinden zu einer neuen großen. Wie werden die Kirchenbücher der „alten“ Kirchgemeinden korrekt geschlossen? So etwas passiert ja auch nicht alle Tage …

Wie die Art und Weise der Eintragungen ist in der Kirchenbuchordnung auch festgelegt, dass ein formelhafter Jahresabschluss im Band zu erscheinen hat (KirBuchO, § 9, Abs. 3 & Muster 1). Bisher habe ich bei einer Kirchgemeindevereinigung unverbindlich empfohlen, diesen Jahresabschluss um chronikalische Anmerkungen zu ergänzen, die über die Strukturveränderung berichten (Beschluss der Vereinigung) und anzeigen, dass die Eintragungen über Amtshandlungen an Kirchengliedern am Ort in einem anderen Kirchenbuch fortgeführt werden. So können die Strukturveränderungen in der Kirchenbuchführung auch in späteren Jahren exakt und folgerichtig nachvollzogen werden.
Da viele Kirchgemeinden einer Region gemeinsam mit dem 31.12.2019 ihre Kirchenbücher schließen, bietet sich auch die Möglichkeit einer zentralen ‘Revision‘ an. Dafür könnten folgende Fragen leitend sein: Sind alle Bände (seit 1900) überall vorliegend? Gibt es Lücken? Können sich jüngere Lücken schließen lassen?

Und dann schafft sich die neue vereinigte Kirchgemeinde 4 neue Kirchenbücher an oder gibt es auch die Möglichkeit, alle Amtshandlungen in ein einziges Kirchenbuch einzupflegen?

Aus praktischen und vielleicht auch aus traditionellen Gründen erscheint die Anlage eines Kirchenbuches durchaus als sinnvoll – dieses enthält dann Taufen, Trauungen, Bestattungen, Konfirmationen und ein Register. Die gedruckten Seiten können einzeln erworben werden, mit gewissen Hochrechnungen ist der Bedarf für fünf bis zehn Jahre in jedem Abschnitt zu ermitteln und dieses Konvolut an Seiten lässt man kompakt binden.

Welche praktischen und traditionellen Gründe für die Entscheidung, nur ein Kirchenbuch für alle Amtshandlungen zu führen, haben Sie im Sinn?

Damit werden kürzer-laufende, aktuelle Bände erzeugt, was den Verschleiß durch den kürzeren Gebrauch minimiert, Verwechselung in zusammengelegten Kanzleien vorbeugt und später die Schutzfristen verkürzt (bspw. können Einträge der vorletzten Jahrhundertwende in einem ‘Taufbuch 1890-2010‘ erst 2120 zur öffentlichen Benutzung bereit gestellt werden!). Die getrennte Führung der Kasualien war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eher die Ausnahme in großen Stadtparochien, die Führung des einen Bandes ist vom 16. - 19. Jahrhundert die Regel, auch das Regulativ zur Kirchenbuchführung von 1799 spricht von „einem besonderen Buch im Folioformat“.

Trotzdem stelle ich es mir auch ziemlich herausfordernd vor, in großen Gemeinden (mit mehrere tausend Gemeindegliedern, dutzenden Gottesdienststätten und einem großen Team von Mitarbeitenden) ein einziges Kirchenbuch zu führen. Worauf wird in solchen Gemeinden zu achten sein?

Wichtig erscheint mir, dass in den Verwaltungszentren die Führung des Buches in eine bestimmte verantwortliche Hand kommt, exakt betrieben wird und sich die zuarbeitenden Personen darauf einlassen, ihre Angaben schnell und verlässlich weiterzugeben. Auch müssen die Eintragungen exakter, örtlich-spezifischer und umfassender werden. Vielleicht muss man für diese Groß-Gebilde konsequent Jahrgangs-Bände anlegen.

Können Sie mir bitte ein Beispiel für einen Kirchenbucheintrag (sagen wir bei einer Taufe) geben, die Ihrem Wunsch nach exakteren, örtlich-spezifischeren und umfassenderen Angaben entspricht?

Zum Beispiel so (natürlich in Tabellenform)

  • Lfd. Nr.: 1
  • Familien- und Vornamen des Täuflings (bei Erwachsenen derzeitige Tätigkeit und Anschrift): Müller Andreas Herbert
  • Geburtsort und –tag: Torgau, 1. Februar 2020
  • Taufraum und –tag, Geistlicher, Tauftext: Kirche Ochsensaal bei Schmannewitz, 30. Mai 2020, Pfr. Schmidt, Lukas 11, 28
  • Ruf-, Familien- und Geburtsnamen, derzeitige Tätigkeit, Anschrift und Glaubensbekenntnis der Eltern: Herbert Müller, Dreher, ohne Glaubensbekenntnis,  und Maria M., geb. Bauer, verw. gew. Maier, Dahlen OT Ochsensaal, Am Wiesenweg 30
  • Ruf-, Familien- und Geburtsnamen, derzeitige Tätigkeit, Wohnort und Glaubensbekenntnis der Paten:

    1. Peter Müller, Kraftfahrer, Oschatz, ev.-luth.

    2. Dr. Helga Bauer, Dipl.-Biologin, Ochsensaal, ev.-luth. 

    3. Max Maier, ohne Tätigkeit, Bucha, ev.-luth.

Die mittlerweile ja bei fast jeder Taufe einbezogenen Taufzeuginnen und Taufzeugen finden wohl keinen Platz im Kirchenbuch? Oder könnte man die fakultativ auch festhalten? Und was ist mit der oft zu findenden Bemerkungsspalte? Ich kenne Kirchenbücher, in denen dort vermerkt wurde, wenn jemand aus der Kirche ausgetreten ist.

Ich denke, das Patenamt beinhaltet klar fixierte Rechte und Pflichten des Paten gegenüber dem Täufling, was bei einem Taufzeugen nicht der Fall ist. Daher kann m.E. die Trennung für Nichteintragung oder Eintragung, die dem tatsächlichen Taufpaten mit einer herausgehobenen Stellung vorbehalten bleiben sollte, abgeleitet werden. Die Eintragung der Kirchenaustritte in der Bemerkungsspalte war besonders in früheren Zeiten nicht unüblich, aber nicht ordnungsgemäß und nicht notwendig. Dafür führt die Kirchgemeinde gewöhnlich das ‘Aufnahme- und Wiederaufnahmeverzeichnis‘ sowie ein ‘Verzeichnis der ehemaligen Kirchenglieder, welche die Kirchengliedschaft verloren haben‘.

Ihr Plädoyer für aussagekräftige Eintragungen hängt ja sicherlich mit der zukünftigen Kirchenbuchforschung zusammen. Meiner Erfahrung zufolge gehen die Kirchgemeinden damit im Moment sehr unterschiedlich um. Manche Gemeindebüros haben überhaupt keine Reserven, auf entsprechende (und manchmal ja auch sehr umfangreiche) Anfragen von Ahnenforscherinnen und Ahnenforschern einzugehen. Andernorts sind die Abläufe gut eingespielt und durch die Einnahmen sogar in geringem Maße profitabel für die Kirchgemeinden. Wie wird es aus Ihrer Sicht mit der Kirchenbuchforschung weitergehen?

Grundsätzlich sind wir verpflichtet, Auskünfte über Personenstandsdaten vor 1875 zu erteilen. Mit der fortschreitenden Sicherungsverfilmung soll die zentrale Filmstelle des Landeskirchenarchivs oder andere Träger diese Aufgabe übernehmen. Nach 1875 erteilen wir die Auskünfte kulanterweise, wobei die Standesämter/Stadtarchive die adäquateren Ansprechpartner wären. Begrenzt ist die Auskunftstätigkeit durch Schutzfristen (Taufe -110 J. / Konfirmation und Trauung -80 J. / Bestattung -30 J.). Mehrere Gemeinden haben sich per KV-Beschluss auf eine rein schriftliche Auskunftstätigkeit verlegt. Wenn hier entsprechendes, auch externes, ‘Hauspersonal‘ zur Verfügung steht, die turnusmäßig die schriftlichen Anfragen en bloc beantworten, ist das eine durchaus akzeptable Methode. Zumindest sollte man diese fakultative Aufgabe dezent auslagern, aber trotzdem Einnahmen akquirieren. Vielleicht ist hierüber auch der Kontakt zu örtlich ehrenamtlich engagierten Mitarbeitern zu halten und auszubauen. Durch unser dezentrales Archivsystem in der Landeskirche sind die Familienforscher seit alters her gewohnt, die einzelnen Kirchgemeinden anzusprechen, das wird sich so schnell nicht ändern.

Sie erwähnte gerade die Sicherungsverfilmung der historischen Kirchenbücher. Wie ist denn da der Stand?

Federführend für die Sicherungsverfilmung ist das Landeskirchenarchiv, über Stand und erledigtem Umfang kann ich aktuell keine verbindliche Auskunft geben. Wir sind auf die Arbeiten des Archivzentrums Hubertusburg angewiesen, die zuletzt nicht immer kontinuierlich erfolgen konnten. Das Projekt wird uns sicher noch mehrere Jahre beschäftigen. Die Abgabe der Bände wird durch die Archivpfleger schrittweise in einer zusammengefassten Region über einen längeren Zeitraum vorbereitet, wobei auch Restaurierungsnotwendigkeiten und direkte Arbeiten an den Bänden eine Rolle spielen und Zuarbeiten seitens der Gemeinden geboten sind. Die zur Benutzung per Microfilm in der Filmlesestelle Dresden bereitstehenden Kirchenbücher  werden auf der Netzseite des Landeskirchenarchivs immer aktualisiert.

Danke für das Gespräch!

 

 


Was ist ein Kirchenvorstand?

Mit der Einführung in ihr Amt am 1. Advent 2014 haben die neuen oder wiedergewählten Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher ihren Dienst innerhalb der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens angetreten.
In den mehr als 750 Kirchgemeinden und Kirchspielen des Landeskirche Sachsens leiten über 7.200 Kirchvorsteher und Kirchvorsteher gemeinsam mit den Pfarrern und Pfarrerrinnen ihre Gemeinde. Sechs Jahre lang werden sie vielfältige Aufgaben übernehmen und Entscheidungen für das Leben in ihren Kirchgemeinden verantworten.

Der Kirchenvorstand leitet die Kirchgemeinde und sorgt für ein gutes Zusammenspiel der unterschiedlichen Bereiche der Gemeindearbeit. Er trägt Verantwortung für geistliche Aufgaben, berät und entscheidet in rechtlichen und finanziellen Angelegenheiten und über notwendige Strukturveränderungen. Er beschäftigt sich mit konzeptionellen Fragen und Schwerpunktsetzungen.

Insbesondere trägt er Sorge für:

  • die regelmäßige Durchführung und würdige Gestaltung der Gottesdienste und Veranstaltungen,

  • die Vielfalt und Pflege der Kirchenmusik,

  • die Erprobung neuer Formen in der Gemeindearbeit und für die Wahrnehmung diakonischer Aufgaben,

  • die Unterstützung der Kinder und Jugendarbeit und die Bildungsaufgaben,

  • die missionarische Ausstrahlung und die Öffentlichkeitsarbeit,

  • den Einsatz der finanziellen Mittel und die Verwaltung der kirchlichen Gebäude,

  • die Anstellung von hauptamtlichen Mitarbeitenden und die Gewinnung und Begleitung Ehrenamtlicher



Kirchenvorstandstag 2015 in Chemnitz
Kirchenvorstandstag 2009 in Dresden

Angebot für Kirchenvorstände - ökologisch und wirtschaftlich entscheiden

Praktische Hinweise zu ökologischer und ökonomischer Verantwortung von Kirchenvorständen.

Für detaillierte Auskünfte können Sie sich gern an den Umweltbeauftragten der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens wenden. Er steht ebenfalls für die konkrete Beratung, für Informationen, Gemeindeabende und Schulungen bereit bzw. vermittelt passende Ansprechpartner. >>> 


Kirchenvorstände im Wandel der Zeit

von Pfarrer Dr. Heiko Franke

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